marrakesh titel

Lesezeit: 12 Minuten

Marrakesh, das Schwergewicht aus der City Collection von Stefan Feld bei Queen Games. Ehrlich gesagt, war ich vom ersten Anblick des Prototyps 2021 ob der schieren Materialflut bereits erschlagen. Auch in diesem Jahr, auf der SPIEL’22 fand ich es schlicht „too much“. Bei der Erklärung musste ich nach ca. 15 Minuten passen. Ich war durch. Dennoch, irgendwie hatte ich diesmal das Gefühl, dass hier etwas Cooles vor mir liegen könnte und nach zwei Tagen innerer Zerrissenheit habe ich dann trotz Skepsis zugeschlagen. Da lag es nun – auf der Rückbank. Groß, schwer und immer noch mit meinen Vorurteilen behaftet.

So lief es ab auf der SPIEL22 in Essen. Es begann 2021 mit Ablehnung, gefolgt von Skepsis bis hin zur Neugier, die mich letztlich dann doch schwach werden ließ. Heute, nach einigen Partien zu zweit, zu dritt und zu viert hat sich meine Meinung grundlegend geändert. Marrakesh ist cool.

Marrakesh Classic Deluxe

Name: Marrakesh

Für 2-4 Spieler, ab 14 Jahren

Autor: Stefan Feld

Grafik: Franz Vohwinkel, Patricia Limberger

Verlag: Queen Games

Ausgaben: Classic (oben), Deluxe (unten)

Genre: Expertenspiel, Worker Placement, Ressourcen Management

Spieldauer: 90-150 Minuten

Platzbedarf: groß! Ca. 120x100cm zu zweit, zu viert ca. 150x100cm

Verlagstext

Streift durch die Souks – den Märkten Marrakesh –  und feilscht mit den Händlern um wertvolle Luxusgüter. Nutzt Eure Assistenten, um Einfluss in der Koutoubia-Moschee und im Bahia-Palast zu gewinnen. Konsultiert die Gelehrten, besucht den Marktplatz Djemaa el Fna mit seinen Wasserverkäufern, Schlangenbeschwörern und Gauklern und entdeckt Oasen in der Sahara.  Erlebt Abenteuer um Handel und Einfluss in der Königsstadt. Vergesst bei all dem aber nicht, die Bevölkerung zu entlohnen sowie mit Datteln und Wasser zu versorgen!

Quelle: Queen Games

Glossar

Meeple blau rotSpielfiguren hießen früher meist Pöppel oder Halma-Kegel. Später dann Männchen oder bei uns in Schwaben „Männle“. Seit dem Erscheinen von Carcassonne (2001) etablierte sich dann der Begriff „Meeple“ für diese Spielfiguren. Es handelt sich um stilisierte Männchen aus Holz in unterschiedlichen Farben. Obwohl der Verlag Hans-im-Glück hier Rechteinhaber ist, hat sich „Meeple“ im Sprachgebrauch der Spieleszene verfestigt. Aktuell ist zu beobachten, dass immer wieder Spiele erscheinen, bei denen den Spielfiguren neue Namen gegeben werden. So auch hier, bei Marrakesh „Keshis“ für die kleinen Holz-Oktagone oder „Workies“ beim Spiel Planet B von Hans-im-Glück.

Erste Berührung mit Marrakesh

marrakesh materialWer kennt es nicht, das Sprichwort „erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“. So kann man sich die Zeit vorstellen, die es braucht, alles Spielmaterial zu begutachten, aus den Stanzbögen zu lösen, den Würfelturm zu montieren und die Regeln erstmalig zu lesen. Alles in allem habe ich dafür rund 1,25 Stunden benötigt. Ganz schön lange, aber in dieser Zeit lernt man gleich auch das Material näher kennen.

Die Spielregeln sind sehr übersichtlich und mit ausreichend Beispielen versehen. Wenn ich die Komplexität des Spiels anhand den Regeln beurteilen müsste, würde ich sagen, es ist ein gehobenes Familienspiel. Ja, mehr nicht. Drei Durchgänge, à vier Runden mit je 4 Phasen. Jede Phase für sich recht überschaubar und logisch. Die drei einzelnen Aktionen innerhalb der Phasen sind ebenfalls sehr übersichtlich, kurz und einfach.

ABER, unterm Strich, wenn man Marrakesh zum ersten Mal richtig spielt, ist es ein knallhartes Optimierungsspiel und definitiv im Expertensektor anzusiedeln. Aber das kommt erst nach ein paar Kennenlernpartien so richtig ans Licht. In den ersten Partien ist man eher damit beschäftigt, sich in die einzelnen Aktionen einzuarbeiten, sie auszuprobieren und deren Zusammenhänge und Abhängigkeiten zu ergründen.

Spielablauf bei 5 Marrakesh

Marrakesh wird in drei Durchgängen mit je vier Runden gespielt. Jede Runde besteht aus vier Phasen zu je drei Aktionen innerhalb der dritten Phase. Am Ende eines Durchgangs folgt eine kurze Wertung und am Ende zusätzlich eine kurze Schlusswertung. Der Ablauf jeder Runde ist immer gleich, kurz und recht übersichtlich.

marrakesh phase 1Zu Beginn eines Durchgangs, in der ersten Runde, wählen alle Spielenden gleichzeitig aus ihren 12 Keshis genau drei aus, die sie in dieser Runde nutzen möchten – hier jetzt auf alle Möglichkeiten einzugehen, wäre zu viel. Daher machen ich hier mal eine Beispielrunde.

Ich wähle für Phase 1 in meiner erste Runde

Einen schwarzen Keshi, einen grünen Keshi und einen lila Keshi. Anschließend setze ich die meine Assistenten-Figuren auf die farblich passenden Bezirke, um dort später meine Aktionen auszuführen. Also einen in den Bereich der Moschee (schwarz), einen in die Dattelplantage (grün) und einen zum Markt (lila). Meine Mitspieler machen dasselbe mit ihrer Auswahl. Jetzt sammelt ein Spieler alle gewählten Keshis ein und wirft sie in den Würfelturm. Phase 1 ist damit beendet. (Tipp: wählt in den ersten zwei Runden nicht den roten Keshi! Das erspart euch ein wenig Verwirrung.)

Phase 2

Marrakesh turmAlle Keshis oder ein Großteil davon (siehe Bild) sind jetzt aus dem Würfelturm gefallen und ich kann bis zu zwei derselben Farbe nehmen und auf meinem Spielertableau einsetzen. Unabhängig davon, ob ich diese Keshis auch selbst in Phase 1 gewählt habe. Je nach Bezirk, in dem ich jetzt meine Keshis einsetze, kann ein Sofortbonus ausgelöst werden, der mir weitere Aktionen oder Ressourcen beschert. Auch diese führe ich sofort aus. Reihum nehmen alle anderen ihrerseits Keshis vom Turm, setzen diese ein und führen gegebenenfalls ihre Einsetzboni aus. Sind alle Keshis verteilt und eingesetzt, endet Phase 2. (Das ging schnell, oder?)

Phase 3

marrakesh phase 3In diese Phase aktiviere ich jetzt meine drei in Phase 1 eingesetzten Assistenten in beliebiger Reihenfolge. Je nachdem, in welchem Bezirk diese stehen, habe ich die Möglichkeit, mir entweder einen weiteren Keshi der entsprechenden Farbe aus dem Vorrat zu nehmen oder die Aktion des Bezirks auszuführen. Führe ich die Aktion des Bezirks aus, ist diese umso stärker, je mehr Keshis bereits in diesem Bereich stehen. Nutze ich zum Beispiel den Bezirk Dattelplantage, bekomme ich für jeden dort eingesetzten Keshi je eine Dattel. Auch diese Phase wird wieder reihum abgearbeitet.

Phase 4

In der letzten Phase einer Runde wird nun ein Bonus für all die ausgeschüttet, die auf dem Fluss mit ihrem Schiff vorwärtsgefahren sind. Dann beginnt schon die nächste Runde wieder mit Phase 1, in der man aus seinen verbliebenen Keshis wiederum drei auswählt, seine Assistenten einsetzt und so weiter.

Durchgangsende

marrakesh fullSind vier Runden gespielt, hat jeder Spieler all seine 12 Keshis eingesetzt. Wer jetzt auf dem Fluss am weitesten vorne steht, bekommt wiederum einen Bonus, bevor alle Schiffe zurück auf das Startfeld gesetzt werden. Jetzt kommt der Punkt, der gerne unterschätzt und nicht beachtet wird. Am Ende eines Durchgangs müssen die Bewohner der eigenen Stadt versorgt werden. Die Kosten dafür werden durch Versorgungsplättchen festgelegt und belaufen sich immer auf drei Ressourcen der Art Wasser, Dattel oder Dinar. Kann ein Spieler diese Kosten nicht bezahlen, verliert er alle gesammelten Ressourcen und zusätzlich noch 4 Punkte. Am Ende des zweiten Durchgangs müssen 6 Ressourcen abgegeben werden beziehungsweise kann man 8 Punkte verlieren und im dritten und letzten Durchgang sind es dann 9 Ressourcen und wenn man das verbockt, werden 12 Punkte abgezogen! Das ist viel! Vor allem, weil jedes Mal auch ALLE Ressourcen futsch sind.

Spielende

Sind drei Durchgänge gespielt und ausgewertet, findet eine kurze Schlusswertung statt. Wer jetzt die meisten Punkte hat, gewinnt. Das werden in den ersten Partien meist unter 80/90 Punkte pro Spieler sein, später sind durchaus 130 Punkte und mehr drin.

Unsere Erfahrungen und Eindrücke bei Marrakesh

Ich fange mal mit dem Material an. Wir haben hier die Classic Edition und nicht die Deluxe Version gespielt. Das Material ist dasselbe, lediglich einige Marker sind bei der Deluxe Version aus Holz. Optisch ist die Deluxe Version aber auf jeden Fall ein Hingucker. Wobei, die Stadttore aus Holz wie bei der Deluxe-Ausgabe, wären auch bei der Classic Edition schon etwas hübscher und weniger fummelig als die Papp-Marker.
Schade ist, dass beim Material und beim Spiel an sich das Thema, die Story, sich nicht im Vordergrund hält. Schnell vergisst man die Namen der Keshis wie Gelehrter, Adliger, Karawanenführer, Wasserverkäufer oder auch Teppich und Leuchte. Nach ein paar Partien spricht man ganz unromantisch von Rot, Blau, Gelb, Lila und so weiter. Sprich, das Thema verwässert von Partie zu Partie. Es wird immer abstrakter und verliert so das orientalische Flair, dass das Spiel eigentlich ausstrahlen soll.

Was mir wiederum sehr gut gefällt, sind die superstrukturierten Regeln. Da gibt es den schnellen Überblick über den Spielablauf, gefolgt von ausführlichen Phasen- und Aktionsbeschreibungen. Das gefällt. Außerdem sind alle Aufgabenplättchen nummeriert, sodass im Zweifelsfall jedes Plättchen, jede Aktion und jede Funktion ausführlich im separaten Glossar nachgeschlagen werden kann. Das wünsche ich mir bei manch anderem Spiel in ähnlich gutem Umfang.

Das Spiel selbst ist überraschend einfach zu erlernen. Die Mikro-Aktionen gehen richtig flott und im Zusammenspiel bieten sie einen hohen taktischen Anspruch. Immer wieder ist man hin und her gerissen, ob man seinen eigenen Keshis nehmen und einsetzen will, wenn gerade von einer anderen Sorte gleich zwei genommen werden können. Dies verlangt immer wieder aufs Neue eine Neuorientierung und Improvisation, was das eigene Vorhaben, Punkte zu generieren, völlig durcheinanderwirbelt.

marrakesh fehlerFehler kann man machen und man wird sie machen. Das ist nicht schlimm, denn es lässt sich fast alles ausbügeln. Einzig am Ende der Phase, wenn es um die Versorgung der eigenen Stadt geht, sollte man höllisch aufpassen. Ich habe einmal den Fehler gemacht, mein ganzes Geld auszugeben, ohne darauf zu achten, dass ich am Ende der Phase vier Münzen zur Versorgung benötige. Das war bitter. Ich verlor alle Ressourcen und bekam dazu noch -8 Punkte „gutgeschrieben“. Das war schon hart, wenn man dazu noch betrachtet, dass ich mir vor der Phasenwertung genau für diese vier Münzen gerade einmal 4 Pluspunkte besorgt hatte und noch einiges an Ressourcen in die nächste Phase hätte mitnehmen können. Wie gesagt, Fehler können passieren und sind meist nicht schlimm. Aber diesen einen Fehler werde ich nicht mehr machen! Daher mein Tipp, legt euch die Ressourcen, die ihr für die Phasenwertung benötigt, immer etwas abseits neben euer Tableau. Es lohnt sich.

Interessant wird es, wenn man es schafft, eine Kettenreaktion zu generieren. Also einen Keshi einsetzen oder eine Bezirksaktion auszulösen, um damit weitere Keshis zu bekommen, um dann eventuell noch einen Einsetzbonus zu kassieren um im besten Fall einen weiteren Keshi zu kassieren. Das ist dann der Moment, in dem die Mitspieler ungläubig staunen und man selbst das Gefühl hat, einen guten Move gemacht zu haben. Es sind auch diese möglichen Kettenreaktionen, die einen Teil des gesamten Reizes des Spiels ausmachen.

marrakesh szenePunkten sollte man auf jeden Fall auch in jedem Durchgang über die Luxuswaren. Diese können von einem Markt bezogen werden und bringen teilweise noch Ressourcen mit, die man nicht unterschätzen sollte in Bezug auf die Versorgung am Ende eines Durchgangs. Apropos Waren – neben diesen ist es auch hilfreich, sich in der Bibliothek bei den Schriftrollen zu bedienen. Dies bringt wiederum Sofortaktionen oder dauerhafte Vorteile, sofern man dafür genügend graue Keshis und Datteln hat.

Am Ende einer Partie gibt es eine kurze Schlusswertung, bei der es für komplett besetzte Bezirke jeweils 10 Punkte extra gibt. Klingt viel, denn das wären theoretisch ja 110 Punkte alleine durch diese Bezirkswertung, aber ganz so einfach ist diese Rechnung nicht. Es ist schlicht unmöglich, alle Bezirke komplett mit den passenden Keshis zu besetzen. Wenn es einem gelingt, zwei bis fünf Bezirke zu komplettieren, kann man mehr als zufrieden sein. Andererseits wäre es auch langweilig, wenn man immer alle Bezirke vollenden könnte.

Fazit

Wie der aufmerksame Leser jetzt sicherlich gemerkt hat, benötigt man bei Marrakesh wieder einmal alles, will alles machen und maximal punkten. Das geht aber nicht! Man kann nicht alles haben und nicht alles machen. Ein Dilemma, das auch nicht neu ist. Aus diesem Dilemma der Mangelwirtschaft bei den Ressourcen und den begrenzten Aktionsmöglichkeiten jetzt das Richtige zu machen, ist schwer. Aber es macht auch den Reiz an Marrakesh aus, alles auszuprobieren. Alle Bereiche zu bedienen in einem ausgewogenen Verhältnis und dabei zwei Bezirke stärker und zwei weniger stark zu bedienen, scheint ein Lösungsansatz zu sein. Ob es wirklich funktioniert und welche Bezirke stark oder weniger stark sind, ist allerdings schwer zu beurteilen.

Marrakesh ist für uns unter den Top 10 des Jahrgangs 2022. Ein geniales Werk von Stefan Feld. Egal ob zu zweit, zu dritt oder zu viert. Durch die kurzen Aktionsphasen ist die Downtime sehr gering, ja manchmal fast gar zu gering. Da kommt man an die Reihe, hat sich taktisch aber noch nicht festgelegt. Alles in allem ist Marrakesh ein außergewöhnliches Expertenspiel mit einer überraschend niedrigen Einstiegshürde. Auch wenn ich anfangs Vorurteile ob der schieren Menge an Aktionen und Material hatte, so wurde ich doch mehr als positiv überrascht. Mea Culpa. Marrakesh ist definitiv ein Tipp im Bereich Expertenspiele, auch wenn der Preis nicht ohne ist.

Euch ist eine Meinung nicht genug?

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Schaut doch mal bei den lieben Kollegen vom Beeple-Netzwerk nach. Vielleicht findet ihr unter www.beeple.de noch die eine oder andere Meinung zu diesem Spiel.

Alternativ könnt ihr immer gerne auch auf unserem und auf dem Discord-Server vom Beeple-Netzwerk nach weiteren Meinungen suchen.

© 01.11.2022 Oliver Sack – Abbildungen der Spiele und Regelauszüge ©Queen Games / Fotos: © Oliver Sack

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2 Kommentare

  1. Sehr schöne Rezension, vielen Dank 😉 Auch für das Lob zu den Regeln und dem Glossar, ich habe mir viel Mühe gegeben.
    Ein-zwei Hinweise: Man könnte auch theoretisch nur 80 Punkte mit vollen Bezirken machen (nicht 110), da es ja nur 8 rote Keshis gibt und so nur 8 Bezirke überhaupt theoretisch in die Wertung kommen können. Und die „Nicht-Versorgungs-Strategie“ ist definitiv ein Weg, zu gewinnen 😉 Auch wenn es bis zu 24 Minuspunkte kostet… Aber man hat auch 18 Ressourcen mehr während des Spiels zur Verfügung. Und ich spiele gerne fast ganz ohne Luxuswaren und stehe am Ende des Spiels eigentlich immer ganz gut da. Letzter Siegpunkt-Score = 171 Punkte…
    Grüße Ulrich

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